Man liest deutsch

Publiziert am 03.11.2005 in „junge welt“

Springer und Co. erfolgreich auf Eroberungstour: Die Expansion deutscher Verlage auf Osteuropas Pressemärkten ist nahezu abgeschlossen

Die polnische Bild-Zeitung heißt Fakt. Das Blatt ist mit einer Auflage von etwa 550000 Exemplaren (Stand: April 2005) Marktführer und gehört selbstverständlich dem Axel-Springer-Verlag. Mit einem Preis von einem Zloty (ca. 25 Cent) ist das Boulevardblatt konkurrenzlos günstig. Seine Machart und die Inhalte gleichen dem großen deutschen Vorbild. Fakt ist das Flaggschiff des größten deutschen Zeitungskonzerns, der sich in den zurückliegenden Jahren eine starke Position auf dem polnischen Markt erkauft hat.

Doch die Polen werden nicht nur mit dem Bild-Verschnitt Fakt beglückt. Springer wirft im östlichen Nachbarland Ableger fast seiner gesamten deutschen Titel auf den Markt: Neben dem lizenzierten Wochenmaganzin Newsweek Polska sind das sechs Frauenblätter, zwei Jugendmagazine (darunter Popcorn), drei Auto- und acht Computerzeitschriften sowie das Wirtschaftsmagazin Profit. Der deutsche Großverlag konzentriert sich dabei auf überregionale Publikationen.

Eine ganz andere Strategie verfolgt der mittelständische Verlag Passauer Neue Presse (PNP). Die Bayern haben sich vor allem auf den Erwerb von Regionalzeitungen spezialisiert. So besitzt PNP inzwischen eine Monopolstellung auf den regionalen Zeitungsmärkten in Wroclaw, Poznan, Gdansk, Lodz, Katowice und Krakow. Nach der Übernahme der Tageszeitung Gazeta Olsztynska ging PNP daran, im gesamten Nordosten Polens zwölf regionale, wöchentlich erscheinende Ableger dieser Zeitung zu vertreiben, die dort inzwischen den gesamten Markt dominieren. Über eine Zweigfirma, die Werbeagentur »Media Tak«, konnte auch das Anzeigengeschäft in der Region Masuren weitgehend unter die Kontrolle der PNP gebracht werden.

Kapitalstarke Eroberer

Über eine starke Präsenz auf dem polnischen Pressemarkt verfügen auch der Bauer-Verlag mit 30 Titeln, das mehrheitlich zu Bertelsmann gehörende Hamburger Verlagshaus Gruner+ Jahr (zehn Publikationen) und der Münchner Burda-Konzern, der sechs Spartenmagazine publiziert. Begünstigt wurde die schnelle Eroberung des polnischen und des gesamten osteuropäischen Marktes durch die Fähigkeit der kapitalstarken deutschen Konzerne, über längere Zeiträume auch mit Verlusten zu operieren. So kostete die Springer-Zeitung Pani Domu (»Frau des Hauses«) bei ihrer Markteinführung 1994 nur 35 Groszy (ca. 16 Cent). Ähnliche Dumpingpreise wurden auch bei den Anzeigen so lange durchgehalten, bis ein Großteil der Konkurrenz vom Markt verschwunden war. Daneben betreiben die Ableger deutscher Medienkonzerne meist eigene Druckereien und Werbeagenturen, die ebenfalls einen kostengünstige, weil unabhängige Produktion gewährleisten.

Inzwischen ist der osteuropäische Medienmarkt fest in ausländischer Hand. Das polnische Nachrichtenmagazin Wprost gibt an, daß dieser zu 85 Prozent vom westlichen Kapital kontrolliert wird. Drei Viertel davon würden auf deutsche Konzerne entfallen. In ihrem Beitrag für das Medienmagazin M der Gewerkschaft ver.di nennt Christiane Schulzki-Haddouti Polen, Tschechien und Ungarn als die Länder, in denen westeuropäische Medienkonzerne die größte Marktdomminanz aufbauen konnten. Diese Konzerne sollen einen Anteil von 80 Prozent am gesamten Pressemarkt dieser drei Länder haben.

In Tschechien kontrollieren deutsche Verlage – insbesondere die umtriebige PNP – 82 Prozent der Regionalzeitungen. In Ungarn sind es 75 Prozent des gesamten Pressemarktes, und selbst in der kleinen Solwakei geben deutsche Medienkonzeren an die 30 Titel heraus. Der Medienwissenschaftler Horst Röper vom Dortmunder »Formatt Institut« faßt die Strategie des deutschen Medienkapitals folgendermaßen zusammen: »Ziel ist die Marktdominanz.« Laut Röper spiele dabei die Größe der nationalen Märkte – wie beispielsweise in Slowenien oder Slowakei – eine untergeordnete Rolle. Wichtig seien aus der Sicht der Investoren die »Anbieterpositionen«, die Martkanteile. »Dieses Ziel haben deutsche Konzerne in den Teilmärkten vielfach erreicht«, so Röper in seinem Beitrag für die Fachgruppe Verlage und Agenturen von ver.di.

Politische Einflußnahme

Das Engagement deutscher und westlicher Medien in Osteuropa hat auch einen politischen Aspekt. Inzwischen mehren sich die Hinweise auf eine Beeinflussung der öffentlichen Meinung. Wie Wprost berichtet, sollen die in Tschechien erscheinenden und im deutschen Besitz befindlichen Mlada Fronta Dnes und Lidova Novina das den Sudetendeutschen widerfahrene »Unrecht« verdächtig oft anprangern und sporadisch zur Annullierung der Benes-Dekrete aufrufen. In Polen bemüht sich dem Vernehmen nach Springers Newsweek Polska nach Kräften, die Rechtskonservative Partei PiS (Recht und Gerechtigkeit) in eine Koalition mit den liberalen der PO (Bürgerplattform) zu zwingen, um eine nationalistische Minderheitsregierung zu verhindern. Besonders hervorgetan hatte sich Springers Wochenblatt im März 2004. Damals steuerten die deutsch-polnischen Spannungen um das in Berlin geplante, geschichtsrevisionistische »Zentrum gegen Vertreibungen« und die Entschädigungsforderungen der »preußischen Treuhand« auf einen Höhepunkt zu.

Am 29. März publizierte Newsweek einen antisemitischen Artikel, der eine Welle von Klagen jüdischer Alteigentümer auf Rückgabe ihres ehemaligen Eigentums in Polen halluzinierte. Der Export antisemitischer Ressentiments, deren Ausleben dem gewöhnlichen Springerredakteur durch seinen Arbeitsvertrag in Deutschland verwehrt wird, sollte offensichtlich den internationalen Ruf Polens in einer Zeit verstärkter Spannungen mit Deutschland beschädigen.

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