Leere Bäuche, volle Tanks

Konkret 9/2012

Die diesjährige Dürre in weiten Teilen der Welt und die damit einhergehende Verknappung der Nahrungsmittelproduktion bestätigen: Die Klimakrise ist nicht länger nur ein Zukunftsszenario.

Immer weiter müssen Amerikas Meteorologen in ihren Wetteraufzeichnungen zurückblättern, um historische Parallelen zu der Dürre ausfindig zu machen, die gegenwärtig in den USA herrscht. Die mit einer beispiellosen Hitze einhergehende und besonders lang anhaltende Trockenheit erreicht inzwischen die Dimensionen der Jahrhundertdürre von 1956, während in vielen Regionen des als Kornkammer der USA geltenden Mittleren Westens Erinnerungen an die dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts wachwerden. Damals verwandelten agrarische Monokulturen in Wechselwirkung mit einer mehrjährigen Trockenheit einen Teil der Great Plains in die berüchtigte »Dust Bowl« (Staubschüssel), eine Staubwüste, aus der Hunderttausende von Farmern etwa aus Oklahoma auf der legendären Route 66 Richtung Westen fliehen mußten. John Steinbeck hat diesen Umweltflüchtlingen in seinem Roman Früchte des Zorns ein literarisches Denkmal gesetzt.

Doch inzwischen stehen immer öfter keine historischen Beispiele mehr zu Verfügung, die eine ähnliche Intensität wie die gegenwärtigen Wetterextreme aufweisen würden. In den Vereinigten Staaten sind in diesem Jahr bereits Tausende von lokalen und regionalen Wärme- und Hitzerekorden zum Teil deutlich überschritten worden. Bei Temperaturen von mitunter mehr als 40 Grad Celsius sind Viehweiden und Felder verdorrt, während in etlichen Städten Verkehrswege unbenutzbar wurden, weil die Hitze die Asphaltdecke absprengte. Auf einem Flughafen in Washington blieb ein Passagierflugzeug im aufgeweichten Asphalt stecken. In etlichen landwirtschaftlich geprägten Bundesstaaten der USA sind die Niederschläge seit Mai auf einen historischen Tiefstand gesunken, darunter Kansas und Nebraska im Mittleren Westen.

Neben der Hitze- und Trockenperiode, die seit Juni bis zum Redaktionsschluß dieses Heftes nahezu unvermindert anhielt, suchte die Region im vergangenen März ein äußerst ungewöhnliches Wetterextrem heim. Zu Frühjahrsanfang wurden in weiten Teilen der nordöstlichen USA und Kanadas neue Wärmerekorde mit sommerlichen Temperaturen aufgestellt. Im kanadischen Winnipeg, wo Mitte März Durchschnittswerte von einem Grad Celsius üblich sind, kletterte das Quecksilber auf 25 Grad. Der US-Bundesstaat Maine verzeichnete Höchstwerte von 30 Grad Celsius – die Durchschnittstemperatur beträgt dort im März vier Grad. Im landwirtschaftlich geprägten US-Bundesstaat Süddakota wurden im März sogar Spitzenwerte von 34 Grad Celsius erreicht.

Diese klimatischen Extreme haben dazu beigetragen, daß die ersten sechs Monate des Jahres 2012 von der US-Wetter- und Ozeanographiebehörde (National Oceanic and Atmospheric Administration, NOAA) zum wärmsten Halbjahr im Rahmen der historischen Wetteraufzeichnungen der USA erklärt wurden. Ein Ende dieser beispiellosen Wetterlage ist nicht in

Sicht: Auch der Juli hat laut NOAA alle historischen Rekorde gebrochen. Die von »moderater bis schwerer« Trockenheit betroffenen Dürreregionen, die Mitte Juli »nur« 55 Prozent des Territoriums der Vereinigten Staaten umfaßten, dehnten sich im August bereits auf 63 Prozent der Fläche der USA aus. Auch hierbei handelt es sich der NOAA zufolge inzwischen um ein historisches Datum, das den bisherigen Höchstwert von 1956 – Dürreschäden auf 58 Prozent des Territoriums der USA – deutlich übertrifft.

Entsprechend desaströs fallen die Ernteprognosen aus, die das Landwirtschaftsministerium (USDA) des größten Agrarexporteurs der Welt am 10. August veröffentlichte. Rund ein Sechstel der Ernte in den Vereinigten Staaten wurde durch die Dürre vernichtet, berichtete es. Trotz einer Ausweitung der Anbaufläche wird die Ernte etwa bei Mais und Soja um 13 Prozent niedriger ausfallen als im vergangenen Jahr. Die Vereinigten Staaten müssen sich auf die schlechteste Maisernte seit einer Dekade einstellen, da von der diesjährigen Anbaufläche (96,4 Millionen Acre) nur 87,4 Millionen Acre überhaupt abgeerntet werden. Die Dürreschäden haben zudem dazu geführt, daß die Agrarindustrie in den USA den niedrigsten durchschnittlichen Flächenertrag seit 17 Jahren erzielen wird. Anläßlich der Vorstellung dieser Prognose betonte US-Landwirtschaftsminister Tom Vilsack, daß die Vereinigten Staaten dennoch weiterhin »als globaler Führer in Agrarexporten und Nahrungsmittelhilfe« die entsprechende Nachfrage befriedigen werden.

Angesichts des durch die Dürre befeuerten Preisauftriebs bei vielen Grundnahrungsmitteln und Agrarrohstoffen – der an die Nahrungskrise der Jahre 2007/08 erinnert – dürften die Versprechungen Vilsacks bald auf eine harte Belastungsprobe gestellt werden. So verzeichnete der Lebensmittelindex der Ernährungsund Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) im Juli dieses Jahres mit 6,17 Prozent den stärksten Anstieg seit dem Februar 2008, als explodierende Lebensmittelpreise zu Unruhen und Aufständen in vielen Ländern des Trikont führten. Mit 213 Indexpunkten ist der FAO Food Price Index, in dem Subindizes für Getreide, Pflanzenöle, Milchprodukte, Zucker und Fleisch zusammengefaßt werden, nicht mehr weit von den historischen Höchststän den, die bei 238 Punkten lagen, entfernt. Um die Dimensionen des Preisanstiegs der vergangenen Jahre bei Lebensmitteln zu verdeutlichen, reicht ein Blick auf die historische Entwicklung dieses Indexes, der bis zum Ausbruch der Lebensmittelkrise 2007 niemals über 140 Indexpunkte gestiegen war. Bei einigen Grundnahrungsmitteln – etwa Soja und Mais – wurden hingegen die historischen Höchstpreise bereits jetzt übertroffen. Mais verteuerte sich allein im Juli um 23, Weizen um 19 Prozent.

Dieser Preisauftrieb habe das Potential, »eine Situation wie 2007/08« herbeizuführen, erklärte der FAO-Volkswirt Abdolreza Abbassian anläßlich der Vorstellung der jüngsten Zahlen. Die Nichtregierungsorganisation Oxfam warnte vor einer raschen Ausweitung des Hungers in den marginalisierten Elendsregionen der Welt, sollten »die Getreidepreise anhaltend hoch bleiben und die Politik nicht schnell und entschlossen« handeln. Derzeit hungern weltweit nahezu eine Milliarde Menschen. Der entscheidende Unterschied zur 2007 ausgebrochenen Krise besteht heute aber darin, daß sich die Weltwirtschaft damals auf dem Höhepunkt eines finanzblasengetriebenen Aufschwungs befand, während nun der fällige weltweite Wirtschaftsabschwung einsetzt. Die Wetterextreme der vergangenen Monate haben somit dazu geführt, daß der Abschwung nicht – wie bei Rezessionen üblich – mit einem Fallen der Lebensmittelpreise einhergehen wird. Diese Konstellation, in der Wirtschafts- und Klimakrise ineinandergreifen, wird den Überlebenskampf der zwei Milliarden Menschen, die im globalen Süden mit weniger als zwei US-Dollar täglich auskommen müssen, zusätzlich verschärfen.

Die Aussichten für die in der »Dritten Welt« marginalisierte Mehrheit der Weltbevölkerung verdüstern sich derzeit zusätzlich: In Kasachstan und den fruchtbaren Schwarzerdegebieten der Ukraine sind aufgrund anhaltender Trockenheit ebenso Ernteeinbußen zu erwarten wie in Rußland, dessen Landwirtschaftsministerium Anfang August die diesjährigen Prognosen auf 70 Millionen Tonnen Getreide nach unten korrigierte. Die anhaltende Dürre habe 12 Prozent der agrarischen Anbauflächen in der Russischen Föderation unbrauchbar gemacht, die nach den USA und Australien als drittgrößter Weizenexporteur gilt. 2011 konnte zwischen St. Petersburg und Wladiwostok noch eine Getreideernte von 94 Millionen Tonnen eingefahren werden.

Zumindest in den USA ließ die historisch einmalige Hitzeperiode die Front der einflußreichen Lobby der Klimaleugner – zu denen etwa das Medienimperium des erzreaktionären Milliardärs Ruppert Murdoch zählt – etwas, nun ja, abschmelzen und eine öffentliche Debatte über die kausalen Zusammenhänge zwischen den gegenwärtigen Wetterextremen und dem menschengemachten Klimawandel aufkommen. Extreme Ereignisse wie Dürren, Feuersbrünste, Stürme und Hitzewellen würden aufgrund der Klimakrise zu »normalen« Wetterphänomenen, erklärte Christopher Field, Koautor des vierten Sachstandsberichts des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), bei einer eilig anberaumten Anhörung vor dem US-Senat Anfang August: Es sei außerordentlich wichtig »zu verstehen, daß der Zusammenhang zwischen Klimawandel und den Extremen, die zu dem Desaster führten, absolut evident ist«, erklärte Field vor dem Kongreß.

Durch den Klimawandel bedingte Desaster werden tiefgreifende Auswirkungen auf Industrie und Landwirtschaft haben, prognostizierte er; sie könnten schon bald zur »Routine« werden. Für den US-amerikanischen Klimaforscher James Hansen, der bereits 1988 vor dem US-Kongreß vor den Folgen des Klimawandels gewarnt hat, ist der Klimawandel längst voll im Gange. Es handele sich dabei um »keine wissenschaftliche Theorie. Wir erleben derzeit eine wissenschaftliche Tatsache«, erläuterte er gegenüber AP unter Verweis auf die derzeitige Dürre in den USA und die Hitzewelle von 2010 in Rußland. Neue Untersuchungen der Klimaveränderungen in den vergangenen sechs Dekaden haben Hansen zufolge eine »erstaunliche Erhöhung der Frequenz extrem heißer Sommer« zutage gefördert. Dies habe »zutiefst beunruhigende Auswirkungen nicht nur für unsere Zukunft, sondern auch für die Gegenwart«. Ähnlich argumentierten Wissenschaftler der NOAA, die zu der Schlußfolgerung gelangten, daß »menschengemachter Klimawandel« eine »etwa 20mal größere Wahrscheinlichkeit« extremer Dürreperioden mit sich bringe. Tom Karl, Koordinator des Klimabüros des NOAA, sagte, daß die extremen Wetterphänomene »zu ungewöhnlich« seien, um sie durch »die natürliche Variabilität« erklären zu können.

Selbstverständlich werden den eindringlichen Warnungen keine Taten der Politik folgen. Es gebe im Kongreß einen nahezu einmütigen Konsens, daß es keinerlei »Aussichten auf die Verabschiedung einer Klimagesetzgebung« gebe, berichtete etwa der »Guardian«. Diese offene Kapitulation vor den Sachzwängen der Kapitalverwertung ist allemal ehrlicher als die Verlogenheit, mit der hierzulande ausgerechnet die Gesetze der »Marktwirtschaft« zum Patentrezept für die Bewältigung der Klimakrise ausgelobt werden. Das Kapitalverhältnis, das die Rohstoffe und Energieträger der Welt für den irren Zweck seiner Selbstverwertung in beständig wachsendem Ausmaß buchstäblich verfeuern muß, bildet nicht nur die innerste Antriebskraft des »menschengemachten« Klimawandels – es stellt auch das größte Hindernis dar, um die Auswirkungen des bereits katastrophale Dimensionen annehmenden Klimawandels auch nur zu lindern (siehe KONKRET 6/12).

Die kapitalistische Weltwirtschaft gleicht somit einer Weltvernichtungsmaschine, die – obwohl durch die Handlungen von Marktsubjekten konstituiert – der Menschheit auf globaler Ebene als eine fremde und feindliche Macht gegenübertritt und ihr vermittels der aus dem Verwertungszwang resultierenden Wachstumsnotwendigkeit die Lebensgrundlagen entzieht. So wie der Ausstoß von klimaschädlichen Gasen trotz aller Sonntagsreden und Klimakonferenzen permanent steigt (allein 2011 um rund drei Prozent gegenüber 2010), werden auch alle Maßnahmen zur Linderung der kommenden klimabedingten Hungersnot Theorie bleiben, sofern sie die ohnehin ins Stocken geratene Kapitalverwertung allzusehr tangieren.

Die leeren Bäuche von einer Milliarde Menschen werden von der Funktionselite des Kapitals nicht einmal zur Kenntnis genommen, solange sie nicht aufbegehren – leere Benzintanks in den USA oder der BRD würden hingegen mächtige Kapitalfraktionen in Schwierigkeiten bringen. Dementsprechend fielen die Prioritäten der Agrarpolitik in den vergangenen Jahren aus, die immer stärker darauf ausgerichtet wurden, durch die Produktion von sogenanntem Biokraftstoff und Biogas die Agonie des – auf der Verbrennung fossiler Energieträger basierenden – kapitalistischen Weltsystems zu verlängern. In den Vereinigten Staaten sollen laut Vorgaben der Regierung rund 40 Prozent der diesjährigen Mißernte für die Erzeugung von Biosprit genutzt werden – damit würden 13 Milliarden Gallonen Ethanol hergestellt. Bis 2022 sollen Planungen der Obama-Administration zufolge sogar 23 Milliarden Gallonen Bio-Ethanol in den Vereinigten Staaten aus diversen »Energiepflanzen« produziert werden, um so die Abhängigkeit von Energielieferungen aus dem Ausland zu reduzieren. Die erwähnten Ausweitungen der Anbauflächen in den USA sind vor allem auf den Boom dieser agrarischen Energieindustrie zurückzuführen, die in immer größerem Ausmaß Gewinne aus der Verbrennung von Nahrungsmitteln erzielt.

Die steigende Ethanolproduktion in den USA hat beispielsweise nach Angaben der NGO Actionaid die Kosten für maishaltige Lebensmittel in Mexiko bereits vor der gegenwärtigen Dürrekatastrophe um rund 3,2 Milliarden US-Dollar jährlich ansteigen lassen. In der BRD sind die Vorgaben der Politik für die Gewinnung von »Bioenergie« nicht minder größenwahnsinnig. Bis 2050 sollen laut Prognosen des Bioökonomierats des Bundes an die 23 Prozent des Energieverbrauchs durch »Bioenergie« gedeckt werden. Schon 2020 will die Biobranche rund »15 Prozent der gesamten Strom-, Wärme- und Kraftstoffversorgung« durch die Verfeuerung von »Energiepflanzen« decken. Hierzu müßten die Anbauflächen für Energiepflanzen (hauptsächlich Mais) von den derzeitigen 1,6 Millionen Hektar auf 3,7 Millionen mehr als verdoppelt werden. Seit 2004, als mit der Förderung »erneuerbarer Energien« durch Rot-grün auch die Biogasbonanza in Deutschland einsetzte, hat sich die Anzahl von Biogasanlagen auf 2.700 verzehnfacht, während die Anbaufläche von Gerste und Weizen um eine halbe Million auf 6,5 Millionen Hektar schrumpfte.

Die Entstehung einer agrarischen Energieindustrie in der BRD und den USA spiegelt dabei eine globale Tendenz wieder, wie der im Juli von der OECD und der FAO veröffentlichte Agricultural Outlook 2012–2021 veranschaulicht. Bis 2021 soll sich ihm zufolge die Produktion von Bioethanol und Biodiesel verdoppeln – auf rund 180 Milliarden Liter Bioethanol und 42 Milliarden Liter Biodiesel. Um so den Autowahn in den Zentren des Weltsystems noch ein paar Jahre zu prolongieren, sollen 2021 weltweit circa 34 Prozent der Zuckerrohrernte, 16 Prozent der Pflanzenölerträge und 14 Prozent der Grobkornproduktion in Form von Biokraftstoffen in die Tanks unserer Spritfresser fließen. Diese Ziele sind schlicht massenmörderisch; sie könnten angesichts der sich häufenden klimabedingten Mißernten nur durch die Produktion von Millionen Hungertoten in den Elendsgebieten der Welt realisiert werden. Im August hat die FOA daher an die US-Regierung appelliert, die Produktion von Biokraftstoffen zu drosseln, um eine Eskalation der schwelenden globalen Nahrungskrise zu verhindern.

Eine Ende Juli publizierte Analyse des New England Complex Systems Institute (Necsi) warnt vor einer »unmittelbar« bevorstehenden Nahrungskrise, die durch die Produktion von Bioethanol und die nahezu ungehinderte Lebensmittelspekulation verstärkt werde. Ein mit einer Preisexplosion einhergehender »Ernteschock« werde aufgrund der Dürren in vielen Regionen bald durchschlagen, sollten »keine Maßnahmen zur Verringerung der Ethanolproduktion und der Spekulation« mit Nahrungsmitteln ergriffen werden. Das Necsi spricht von einer regelrechten Nahrungsmittelpreisblase, die durch Spekulationstätigkeit auf den Finanzmärkten angetrieben werde und ihren Höhepunkt voraussichtlich 2013 erreichen werde.

Die Maßnahmen gegen die zunehmende Spekulation mit Lebensmitteln und Agrarrohstoffen, die den Preisanstieg zusätzlich beschleunigt, erschöpfen sich ebenfalls in ohnmächtigen Appellen. Anfang Juli hat etwa der Uno-Sonderbeauftragte für das Recht auf Ernährung, Olivier de Schutter, schwere Vorwürfe insbesondere gegen die Deutsche Bank erhoben, die sich an einer regelrechten Preistreiberei bei Lebensmitteln beteilige: »Die Rolle von Investmentbanken wie der Deutschen Bank hat stark zugenommen. Der Preis von Lebensmitteln wird immer stärker von Finanzakteuren bestimmt.« Tatsächlich haben einige Banken – wie etwa die Commerzbank oder die Deka-Bank– den Verkauf ihrer diesbezüglichen »Finanzprodukte« infolge der öffentlichen Kritik auf Eis gelegt, doch machen nun einfach andere Finanzmarktteilnehmer den großen Reibach mit dem Hunger.

Jeder Student der Volkswirtschaftslehre kriegt im Proseminar eingetrichtert, daß in der Marktwirtschaft steigende Preise zu steigenden Investitionen führen. Somit würde die segensreiche unsichtbare Hand des Marktes auch die drohende Hungerkrise lösen, indem die Kapitalzuflüsse in den Agrarsektor dessen Produktivität erhöhten. Tatsächlich setzte nach dem Ausbruch der Lebensmittelkrise von 2007/08 eine wahre Investitionsflut insbesondere in die agrarischen Regionen des globalen Südens ein – aber eben diese Kapitalströme zementieren Hunger, Marginalisierung und Elend in der »Dritten Welt«. Auf rund 80 Millionen Hektar – eine Fläche von der 20fachen Größe der Niederlande – beziffert Oxfam die Ausmaße des sogenannten Land Grabbing inzwischen, bei dem Staatsfonds, Investmentgesellschaften oder Agrarkonzerne vor allem in Afrika ganze Landstriche aufkaufen, um darauf riesige Plantagen für den Export aufzubauen. Die britische Zeitung »Observer« bezeichnete diesen Aufkauf von Agrarflächen als den »größten Eigentumswechsel seit der kolonialen Ära«.

Dabei können diese Plantagen, auf denen Afrikaner höchstens als Tagelöhner geduldet werden, die Ausmaße europäischer Kleinstaaten erreichen. An die zwei Milliarden US-Dollar investierten beispielsweise saudische Unternehmen in Äthiopien, um dort auf 500.000 Hektar Land Lebensmittel und Blumen für den saudischen Markt zu produzieren. China wiederum läßt auf unvorstellbaren 2,8 Millionen Hektar Land im Kongo Palmöl zur Gewinnung von Biotreibstoff anbauen. Allein diese Fläche entspricht einem Sechstel der in Großbritannien landwirtschaftlich genutzten Böden! Etwa 37 Prozent der 398 landwirtschaftlichen Investitionsprojekte, die im Rahmen einer 2009 durchgeführten Weltbankstudie genauer unter sucht wurden, hatten die Produktion von Nahrungsmitteln zum Ziel, während bereits bei 35 Prozent der Landaufkäufe der Anbau von Pflanzen zur Gewinnung von Biotreibstoffen beabsichtigt war. Die Hälfte aller untersuchten »Investitionen« erfolgte in Afrika, gefolgt von Asien, Lateinamerika und Osteuropa. Der vielgepriesene Markt reagiert auf die globale Nahrungsmittelkrise also mit der Vertreibung jener Menschen von ihrem Land, die am stärksten vom Hunger bedroht sind.

 

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