Letzter freier Platz

Junge Welt, 27.12.2012

Theorie und Praxis in Zürich: Die ersten »Linken Hochschultage«

Hunderte von Studenten fanden sich am vergangenen Wochenende in überfüllten Vortragssälen der ehemaligen pädagogischen Hochschule Zürichs ein, um noch den letzten freien Platz auf Fensterbänken oder auf dem Fußboden in Beschlag zunehmen. Auf den überlaufenen Fluren des eigentlich seit Monaten leerstehenden Gebäudes mussten Terminänderungen mit dem Megafon durchgesagt werden. In stickiger Luft konnten sich die Referenten nur mühsam verständlich machen. Diese Szenerie, die an den Bildungsnotstand in den meisten Hochschulsektoren Europas gemahnte, spielte sich bei den „Linken Hochschultagen“ in Zürich ab, deren Organisatoren von dem Erfolg ihrer erstmalig durchgeführten Veranstaltung buchstäblich überrannt wurden.

Die Initiative zur Organisierung der viertägigen »Linken Hochschultage« ging von dem linken Bündnis »Uni von unten« aus, dessen Aktivisten ihre politischen Differenzen hintan stellten. Es sei ein »Einzelpersonenbündnis für eine linke Hochschulpolitik« initiiert worden, um den breiten »Bündnischarakter« der Veranstaltung zu unterstreichen, erklärte der Aktivist Jonas Frick gegenüber jW. Die Hochschultage zielten einerseits auf eine fundamentale »Kritik am bürgerlichen Hochschulbetrieb« ab, unterstrich die Aktivistin Dominique Grindaux. Andererseits solle mit der Veranstaltung der »Kampf um selbstbestimmte Räume« wie das leerstehende Gebäude der ehemaligen Pädagogischen Hochschule forciert werden, damit sich dort kritische Forschung entfalten könne.

Und so fanden von Mittwoch bis Samstag zahlreiche Vorträge und Workshops unter dem Motto »Krise, Analyse, Widerstand« statt, die eine heterogene linke Theoriebildung und Praxis abdeckten. Von wertkritischen Referenten über linksradikale Zusammenhänge wie Wildcat, die pazifistische »Gruppe Schweiz ohne Armee« bis zum linkskeynesianischen Publizisten Philipp Löpfe reichte das politische Spektrum. Etliche Veranstaltungen thematisierten die sozialen und politischen Kämpfe im globalen Süden, wie die gewalttätigen Auseinandersetzungen um die Wasserressourcen in der Türkei, die Lage im Iran, oder die Aufstandsbewegung in Indien. Der Publizist und Anwalt Bernhard Schmid (Paris) referierte über den »arabischen Frühling«, wobei hier die in der bürgerlichen Berichterstattung unterbelichtete Rolle der arabischen Linken und der Arbeiterbewegung stärker beleuchtet wurde. Laut Schmid konnte bislang überall dort zumindest eine unblutige »Enthauptung« der früheren Regime erreicht werden, wo es ausgeprägte autonome Organisationsstrukturen der Arbeiterbewegung gegeben habe – wie etwa in Tunesien.

Auch die akademische Linke war vertreten: In einem brechend vollen Vortragssaal referierte etwa Freerk Huisken (Bremen), emeritierter Professor für Politische Ökonomie des Ausbildungswesens, zu den Deformationen des Bildungswesens im Kapitalismus. Es sei gerade die ideologisierte »Chancengleichheit«, die im bürgerlichen Bildungsbetrieb für die soziale Selektion entlang der Klassenschranken sorge, da die Schüler aufgrund ihrer unterschiedlichen klassenbedingten Sozialisierung auch divergente Lernvoraussetzungen mitbrächten, so Huisken.

Neben der Theoriearbeit bekamen die Teilnehmer der »Linken Hochschultage« am Donnerstag auch Gelegenheit zur antimilitaristischen Praxis. Aus Anlaß eines Gastvortrags, den der NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen an der Universität Zürich hielt, zogen rund zweihundert Demonstranten vor das nahegelegene Uni-Hauptgebäude, um gegen das interventionsfreudige westliche Militärbündnis lautstark zu protestieren. Es sei unerträglich, daß die Universität Zürich, die ansonsten das Image einer liberalen Lehranstalt pflege, nun einem »Neoimperialisten wie Rasmussen« ein Forum biete, erklärte Dominique Grindaux gegenüber jW. Der NATO-Chef forderte bei seiner von Feuerwerkskörper-Explosionen begleiteten Rede die Schweiz auf, »nicht im Abseits zu stehen« und sich stärker an »Operationen« der NATO zu beteiligen.

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