Rechter Alltag

„Junge Welt“, 02.07.2012
Ungarn: Faschistischer Diktator und Hitler-Verbündeter Miklós Horthy verherrlicht, Neonaziumtriebe geduldet

Wie gestaltet sich das Alltagsleben in einer postdemokratischen, beständig nach rechts driftenden Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Man sollte sich vor allem davor hüten, Witze über Pandabären zu machen. Zu einer Strafe von umgerechnet 870 Euro hat der berüchtigte ungarische Medienrat am 21. Juni den Radiosender NeoFM verurteilt, weil dessen Moderatoren sich im Februar in einer Satiresendung über die possierlichen Bambusfresser lustig machten. Hierdurch hätte der Sender seine »Vorbildfunktion für Kinder« nicht erfüllt, hieß es in einer Begründung des Überwachungsgremiums. Dem Medienrat, der von der Rechtsregierung von Premier Viktor Orban (FIDESZ) kontrolliert wird, stehen weitreichende Machtbefugnisse zu, um in die Berichterstattung ungarischer Medien einzugreifen.

Der in Ungarns Öffentlichkeit und Meiden anschwellende Geschichtsrevisionismus, bei dem die Nazikollaborateure um den zwischen 1920 und 1944 herrschenden „Reichsverweser“ Miklós Horthy eine geschichtspolitische Aufwertung erfahren, wird von dem allmächtigen Medienrat hingegen beflissen ignoriert. Kein wunder, deklarierte doch Orban öffentlich Mitte Juni in einem Interview, dass Horthy „kein Diktator“ gewesen sei. Die derzeitigen Diskussionen „über die Vergangenheit“ in Ungarn seien ohnehin eine Reaktion auf „die Kommunisten“, die Ungarns „Geschichte auszulöschen“ versuchten, so Orban. Horthy ließ bereits 1938 antisemitische Rassegesetze erlassen, er hat die desaströse Allianz Ungarns mit Nazideutschland forciert und die Deportation von Hunderttausenden ungarischen Juden in die deutschen Vernichtungslager ermöglicht.

Die diesbezüglichen „Diskussionen“ in Ungarn beschränken sich auf einen nekrophil anmutenden Totenkult um den „Reichsverweser“, dem immer neue Denkmäler oder Gedenktafeln gewidmet werden. Im ungarischen Csokako etwa versammelten sich mitte Juni rund 1000 Nazis und Bürger, um eine Statue Horthys einzuweihen: „Horthys Vermächtnis an uns besteht darin, dass wir auch in den unmöglichsten Situationen die Interessen des Landes und der Nation bewahren müssen“, erklärte der Bürgermeister Csokakos im Beisein uniformierter Nazimilizen. Je düsterer sich Ungarns wirtschaftliche Zukunft abzeichnet, desto stärker greift dieser Kultus der faschistischen Vergangenheit innerhalb der ungarischen Rechten um sich. Widerspruch gegen diesen Horthy-Kult wird nicht geduldet: Mitte Mai wurden antifaschistische Demonstranten körperlich angegriffen, als sie gegen eine Gedenktafel-Enthüllung in Debrecen protestierten.

Dabei wird – allen offiziellen Dementis zum Trotz – diese geschichtspolitische Rehabilitierung des ungarischen Faschismus auch von staatlichen Stellen gefördert. Ende Juni haben jüdische Organisationen des Landes die ungarische Regierung aufgefordert, die für das kommende Schuljahr geplante Aufnahme etlicher völkischer und antisemitischer „Schriftsteller“ in den ungarischen Lehrplan zurückzunehmen. Insbesondere die Aufwertung des glühenden Antisemiten und Nazis József Nyirö – der auch das faschistische Pfeilkreuzlerregime unterstützte – durch die ungarische Rechtsregierung stößt auf harsche Kritik. Inzwischen wurde etwa der ungarische Parlamentspräsident László Kövér von der Regierung in Israel wegen seines geschichtspolitischen Engagements für Nyirö zur „unerwünschten Person“ erklärt. Kövér hat bereits einen skurrilen diplomatischen Streit mit der rumänischen Regierung angezettelt, als er die Forderungen ungarischer Rechtsextremisten unterstützte, die Asche des aus Siebenbürgen stammenden Nyirö nach Rumänien zu überführen – und so eine Wahlfahrtsstätte für ungarische Revanchisten zu errichten.

Wohin dieser ungarische Kult der faschistischen Vergangenheit zum Beginn des 21. Jahrhunderts führt, offenbarte jüngst eine Posse um einen Parlamentsabgeordneten der faschistischen Partei „Jobbik“, der in einem Labor eine Sequenzierung seines Genoms vornehmen ließ, um sich hiernach einen „Gen-Ariernnachweis“ auszustellen, laut dem er frei von jüdischen und Roma-Vorfahren sei.

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