»Continental zwingt uns in die Verarmung«

„Junge Welt“, 25.04.07
Gewerkschafter aus Mexiko und den USA kritisieren Praktiken des Reifenherstellers. Ein Gespräch mit Andy Hodges und Efren Escorza Trejo

Andy Hodges ist Vizevorsitzender der US-Gewerkschaft »United Steelworkers of America«. Efren Escorza Trejo ist Generalsekretär der mexikanischen Hausgewerkschaft des Reifenherstellers Continental (SNTGTM). Beide sind anläßlich der Aktionärshauptversammlung des Konzerns zur Zeit in der BRD

Vier Mitglieder der mexikanischen Hausgewerkschaft des Reifenherstellers Continental (SNTGTM) wurden nach einem fünfzehnminütigen Streik von der Werkleitung in San Luis Potosi fristlos gefeuert. Ist ein solch repressives Vorgehen bei Continental/Mexiko üblich?
Efren Escorza Trejo: Das Verhalten der Werksleitung ist eigentlich unbegreiflich. Die Entlassungen wurden als Disziplinierungsmaßnahme bezeichnet. Uns wird vorgeworfen, durch einen absolut legalen Streik dem Konzern einen Verlust von 2300 Reifen oder 78000 Euro zugefügt zu haben. Schon 2003 ging der Konzern gegen gewerkschaftliche Strukturen äußerst rabiat vor. Damals wurden ebenfalls vier Gewerkschafter gefeuert, weil sie das Gewerkschaftskomitee der SNTGTM ins Leben gerufen haben. Zuvor waren alle Continental-Mitarbeiter in der unternehmerfreundlichen, nationalen Gewerkschaft CTM organisiert, die sich vor allem den Bedürfnissen der Konzerne anpaßt. Die betroffenen Kollegen haben geschlagene drei Jahre vor Gericht um ihre Wiedereinstellung kämpfen müssen, erst 2006 konnten sie ihre Arbeit bei Continental wieder aufnehmen.

Hat sich der Konzern inzwischen mit der Existenz der SNTGTM abgefunden?
E.E.T.: Nachdem wir uns von der CTM emanzipiert haben, griff Continental zu weiteren Tricks. Eine Scheingesellschaft wurde gegründet, die das gesamte Kapital von Continental/Mexiko übernahm. Die Arbeiter blieben in einem formalrechtlich anderen Unternehmen, das über ein Kapital von wenigen tausend Dollar verfügt. So hofft die Unternehmensleitung, jegliche Sonderzahlungen und Sozialleistungen auf ein Minimum senken zu können. Für das letzte Jahr war unserer Belegschaft eine Sonderzahlung von 500 Dollar versprochen worden, die jetzt ausgeblieben ist. Continental hat zwei Gesichter, ein freundliches in Deutschland und ein rücksichtsloses in Mexiko.

Rücksichtslos ist der Automobilzulieferer auch in den USA. Dort kürzte Continental den Pensionären ihrer Tochtergesellschaft die Zuzahlungen zur Krankenversicherung. Davon sind alle vorzeitig pensionierten ehemaligen Continental-Mitarbeiter unter 65 Jahren betroffen. Was bedeutet das für sie und ihre Familien?
Andy Hodges: Die meisten der etwa 3500 Betroffenen mitsamt Angehörigen müssen sich entscheiden, ob sie die Krankenversicherung zahlen, oder das Geld für Essen und Güter des täglichen Bedarfs ausgeben. In den USA ist die Krankenversicherung größtenteils privatisiert und sehr teuer, die Unternehmen übernehmen die Versicherungsleistungen für ihre Arbeiter. Ein alleinstehender Continental-Pensionär erhält z. B. eine Rente von 1750 Euro, hiervon muß er 500 Dollar für die Kankenversicherung und Medikamentenzahlungen abzweigen und 600 Dollar für seine Wohnung zahlen. Da bleibt für den täglichen Bedarf kaum etwas übrig. Besonders schlimm sind die Pensionäre mit Familie dran. Ein ehemaliger Kollege hat zwei Kinder, die über Continental mitversichert waren. Nun soll er von seiner 1 500 Dollar umfassenden Rente 1 300 Dollar für die Krankenversicherung ausgeben. Nach 36 Jahren kündigte Continental ohne jegliche Vorwarnung plötzlich die Zahlungen zur Krankenversicherung für Menschen, die in jahrzehntelanger Schwerstarbeit ihre Gesundheit aufs Spiel gesetzt haben und das Unternehmen zu dem machten, was es heute ist. Continental zwingt uns in die Verarmung.

Sie sind zur Aktionärshauptversammlung von Continental nach Hannover gekommen. Was hoffen Sie hier zu erreichen?
A. H.: Meine Gewerkschaft unterstützt eine Sammelklage der betroffenen Pensionäre gegen Continental in den USA. Wir sehen gute Chancen, uns vor Gericht durchzusetzen. Dieser Gerichtsprozeß wird sich aber über Jahre hinziehen. Viele der Betroffenen haben ernste gesundheitliche Probleme und können so lange nicht warten. Deshalb wollen wir in Hannover und Deutschland eine möglichst breite Öffentlichkeit erreichen und für unser Anliegen sensibilisieren. Mit Unterstützung der Kritischen Aktionäre wollen wir unser Anliegen auf der Hauptversammlung vortragen.

E.E.T.: Auch wir hoffen, mit Hilfe der Kritischen Aktionäre auf der Hauptversammlung Rederecht zu erhalten. Wir haben hier in Hannover eine Reihe von Informationsveranstaltungen und Pressekonferenzen organisiert, zum Beispiel mit ATTAC und der IG-BCE. Vor der Hauptversammlung und vor den Continentalwerken in Hannover sind am Dienstag Flugblätter verteilt worden. Die Kooperation mit den deutschen Gewerkschaftern ist sehr gut.

Die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde deaktiviert.