Die Dinosaurier-Übernahme

www.german-foreign-policy.com , 21.02.2011

Mit der Übernahme der New York Stock Exchange bereitet die Deutsche Börse ihren Sprung an die Weltspitze vor. Der Zusammenschluss der beiden Finanzunternehmen, der vergangene Woche angekündigt worden ist, wird dem neuen deutsch-US-amerikanischen Konzern nicht nur eine herausragende Position in der Konkurrenz mit den Börsen Asiens sichern, sondern auch das europäische Geschäft dominieren. Im Termingeschäft etwa käme er auf einen Marktanteil in Europa von mehr als 90 Prozent. Deutsche Medien sprechen angesichts des neu entstehenden Börsengiganten vom „Griff nach der Weltmacht“. In der Konzernkontrolle ist die deutsche Seite erkennbar gegenüber den US-Amerikanern im Vorteil. Der Zusammenschluss ist möglich geworden, da der Kurs der New York Stock Exchange (NYSE), die gern als „pulsierendes Herz“ des US-Kapitalismus bezeichnet wird, infolge der Krise stark eingebrochen ist. Während der neue Konzern gefeiert wird, schreiten langfristig wirksame Verschiebungen auf dem Börsensektor voran: Neuartige Handelsplattformen mit Verankerung in den USA und Japan, die mit schlanken, netzwerkartigen Strukturen und mit konsequenter Digitalisierung des Wertpapierhandels arbeiten, drängen die traditionellen Börsen zurück.

Deutscher Jubel

Etliche deutsche Massenmedien begrüßten die Nachricht von der Übernahme der New York Stock Exchange (NYSE) durch die Deutsche Börse mit unverhohlener Euphorie. „Griff nach der Weltmacht“, titelte Spiegel Online.[1] Die Süddeutsche Zeitung prahlte: „Die Wall Street wird deutsch“; die Deutsche Börse AG werde in New York „die Rolle des Seniorpartners übernehmen“ und steige „zur Nummer eins in der Welt der Aktien auf“.[2] Das Handelsblatt zitierte den US-Milliardär Donald Trump, der den Deal als „großartig für Deutschland“ beschrieb.[3] Nur wenige wiesen wie etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung darauf hin, dass die Machtkämpfe im neuen Börsenkonzern erst wirklich beginnen dürften: „Tatsächlich aber geht hinter den Kulissen mit den bisher gefassten Beschlüssen das Tauziehen auf beiden Seiten des Atlantik erst richtig los.“[4]

Zähneknirschen in den USA

In den Vereinigten Staaten fielen die Reaktionen hingegen ziemlich frostig aus. Derselbe Donald Trump, der von einem „großartigen“ Deal der Deutschen sprach, verglich die Übernahme mit einem „weiteren blauen Auge“ für die USA: „Ich denke, es ist lächerlich, dass dieses Land den Deutschen erlaubt, die New York Stock Exchange zu kaufen“.[5] Etliche meinungsführende Medien kritisierten die Übernahme ebenfalls scharf.[6] Eine „amerikanische Institution“ gehe nun „kaputt“, lamentierte etwa die zum Wall Steet Journal gehörende Internetplattform Marketwatch, während Forbes die Wall Street als das „schlagende Herz des amerikanischen Kapitalismus“ bezeichnete, das sich nun in Agonie befinde. Tausende, wenn nicht „Millionen von Menschen“ hätten auf die Nachricht von der Übernahme mit wachsender „Trauer und Sorge“ reagiert. Der Vorstandsvorsitzende der New York Stock Exchange bat schließlich die Medien, nicht von einer „Übernahme“, sondern von einer „Fusion“ beider Börsen zu sprechen.

Zehn zu sieben

Die bislang bekannt gewordenen Details des transatlantischen Deals belegen: Die Altaktionäre der Deutschen Börse werden 60 Prozent der Aktien am neuen Börsenkonzern halten, auf dessen Name die Partner sich noch nicht einigen konnten, während die NYSE sich mit 40 Prozent begnügen muss. Die Deutsche Börse AG wird zehn Vertreter in den 17-köpfigen Verwaltungsrat entsenden. Während NYSE-Chef Duncan Niederauer von New York aus die Konzernleitung übernimmt, soll der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, der Schweizer Reto Francioni, in Frankfurt als Verwaltungsratspräsident tätig sein. Die Amerikaner konnten Niederauers Stellvertreter bestimmen, die Deutschen den Finanzchef. Die Hauptquartiere des neuen Gebildes werden in New York und in Eschborn bei Frankfurt liegen.

Blick nach Asien

Der neue Börsenkonzern wird einen Börsenwert von knapp 20 Milliarden Euro aufweisen und die Börsenweltrangliste mit deutlichem Abstand anführen. Zugleich wird er bei Termingeschäften eine Monopolstellung in Europa erringen: „Im europäischen Termingeschäft hätten Nyse Euronext und Deutsche Börse, zu der die Terminbörse Eurex gehört, einen Marktanteil von mehr als 90 Prozent“, berichten Experten. Die Terminmarktgeschäfte dürften knapp 40 Prozent des Umsatzes des neuen Giganten ausmachen, während der „klassische“ Handel mit Aktien bereits in den Hintergrund rückt und wohl nur noch einen Umsatzanteil von 30 Prozent erreicht. Zugleich dürfte das Unternehmen „den europäischen Kassahandel von Aktien dominieren und wäre weltweit führend beim Geschäft mit der Notierung von Unternehmen an der Börse“.[7] Schon jetzt wickelt die Wall Street über ihre Tochter Euronext 16,4 Prozent des europäischen Aktienhandels ab, von dem die Deutsche Börse weitere 11,6 Prozent kontrolliert. Der neue Börsenkonzern wird – neben Frankfurt und New York – Handelsplätze auch in Paris, Brüssel, London, Chicago, Zürich, Amsterdam und Lissabon unterhalten. Über die weitere Expansionsrichtung herrscht Einigkeit: Der neue Konzern wolle ein „attraktiver Partner“ asiatischer Börsen werden, erklärten Niederauer und Francioni.

Fusionswelle

Dabei bildet die Übernahme der NYSE durch die Deutsche Börse nur den Höhepunkt einer regelrechten Fusionswelle, die in den letzten Jahren den Börsensektor erfasst hat. Erst wenige Tage vor Bekanntwerden des deutsch-amerikanischen Deals haben die Börsen in London und Toronto ihre Fusion angekündigt. Seit Mitte September befindet sich die Börse Singapurs, die Singapore Exchange Ltd., in Verhandlungen über die Übernahme des australischen Wertpapierhandelsplatzes ASX. Allein in den vergangenen fünf Jahren fanden zehn größere Börsenfusionen statt, an denen Unternehmen mit Börsenwerten zwischen 2,7 bis 11,6 Milliarden US-Dollar beteiligt waren. Der rasch voranschreitende Konzentrationsprozess ist keineswegs abgeschlossen. So ist auch die Börse in Hongkong an Übernahmen interessiert. Der nun erfolgreichen „Börsenhochzeit“ zwischen der Deutschen Börse und der NYSE gingen schon vor fünf Jahren ähnliche Übernahmebestrebungen voraus, die damals aber noch gescheitert waren.[8]

Die Krise als Katalysator

Dabei konnten die amerikanischen Widerstände jetzt gebrochen werden, weil die NYSE schwer unter den Auswirkungen der Finanz- und Weltwirtschaftskrise leidet. Der Börsenkurs des Konzerns sank von gut 100 US-Dollar im Jahr 2007 auf etwas mehr als 30 US-Dollar, bevor die angekündigte Fusion ihn leicht auf 36 US-Dollar steigen ließ. Die Krise beschleunigte den beständig zunehmenden Kostendruck, dem die Börsen ausgesetzt sind; mit immer größeren Fusionen sollen nun die Handelsvolumina erhöht werden, um die einzelnen Transaktionen billiger anbieten zu können. Durch Rationalisierungs- und Synergieeffekte hoffen NYSE und die Deutsche Börse ein Sparpotential von 300 Millionen Euro jährlich realisieren zu können. Einem Bericht der Financial Times Deutschland zufolge soll dabei das deutsche Handelssystem Xetra infolge der Fusion aufgegeben werden. Die IT-Abteilung der Deutschen Börse, die in Frankfurt und Luxemburg angesiedelt ist, sei ebenfalls „besonders gefährdet“.[9]

Die Börsen als „Dinosaurier“

Der Kostendruck, dem sich die klassischen Börsen ausgesetzt sehen, resultiert aus dem Aufkommen alternativer multilateraler Handelsplattformen wie Chi-X oder Bats, die auf eine netzwerkartige Struktur und die konsequente Digitalisierung des Wertpapierhandels setzen. Diese Handelssysteme, die sich dank des permanenten Fortschritts der IT-Technologie rasch perfektionieren, kommen mit weitaus weniger Arbeitskräften aus als ihre klassischen Konkurrenten. Auch durch die Übernahme der NYSE durch die Deutsche Börse verschwänden diese Differenzen nicht, erklärt Chi-X-Chef Alasdair Hayne: „Die fusionierte Börse wird Tausende von Mitarbeitern haben“ – nach aktuellem Stand wären es (noch) 6.400 -, „während wir 50 haben, was bedeutet, dass wir unsere Gebühren im Vergleich zu den Börsen auf minimalem Niveau halten können.“[10] Die zumeist von Investmentbanken gegründeten Handelsplattformen wie Chi-X, das allein inzwischen 16,7 Prozent des europäischen Aktienhandels abwickelt, konnten den klassischen Börsen bereits erhebliche Marktanteile abnehmen. Sie entstanden in Europa erst 2007 im Zuge der Finanzmarktderegulierung. Zudem kündigten Chi-X (USA/Japan) und Bats (USA) in Reaktion auf den transatlantischen Börsenzusammenschluss am 17. Februar an, ebenfalls eine Fusion in die Wege zu leiten. Bei der groß gefeierten „Börsenhochzeit“ zwischen New York und Frankfurt schließen sich also zwei „Dinosaurier“ zusammen, deren Geschäftsmodell aufgrund der Rationalisierungsschübe der mikroelektronischen Revolution zusehends obsolet wird. Der Deal werde nicht die „dekadenlange Evolution des Aktienhandels vom schreienden Börsenmakler zu dem kalten, leisen Summen der Computer aufhalten“, bemerkt die Washington Post.[11]

Deutsch-amerikanische Börse

Mit der Transformation zu einer in hohem Maße dezentralisierten Handelsstruktur, der die Finanzmärkte ausgesetzt sind, befasst sich auch die New York Times: Demnach sei die deutsche Übernahme der NYSE auch ein Eingeständnis, dass Finanztransaktionen „heute jede Stunde und in allen Zeitzonen ablaufen, wodurch die tatsächlichen Ziegel und der Mörtel der Wall Street weniger wichtig als zuvor“ seien.[12] Die Zeitung kann sich darauf berufen, dass die Aktionärsstruktur der Deutschen Börse tatsächlich schon lange nicht mehr deutsch dominiert wird: Investoren aus der Bundesrepublik hielten im Jahr 2009 nur noch 17 Prozent aller Anteile an ihr, während amerikanische Aktionäre 41 Prozent des Aktienbestandes kontrollierten. Entsprechend werden gut 55 Prozent der Aktien des neuen transatlantischen Börsenkonzerns – auch wenn sich dies durch Kauf und Verkauf prinzipiell ändern lässt – in US-Händen sein.

[1] Griff nach der Weltmacht; www.spiegel.de 15.02.2011
[2] Die Wall Street wird deutsch; www.sueddeutsche.de 15.02.2011
[3] „Großartig für Deutschland“; www.handelsblatt.com 15.02.2011
[4] Das Tauziehen beginnt; www.faz.net 16.02.2011
[5] „Großartig für Deutschland“; www.handelsblatt.com 15.02.2011
[6] R.I.P. New York Stock Exchange; Forbes 15.02.2011. Nightmare on Wall Street; Marketwatch 15.02.2011.
[7] Die Wall Street erwartet weitere Fusionen; www.faz.net 15.02.2011
[8] s. dazu Befreiungsschlag, Abwehrschlacht und Neue Allianzen
[9] FTD, Xetra-Handel droht das Aus, 16.02.2011
[10] Bats übernimmt Konkurrenten Chi-X; www.handelsblatt.com 17.02.2011
[11] Long before German deal, NYSE was mostly symbolic; Washington Post 15.02.2011
[12] German Company In Talks To Buy New York Stock Exchange; The New York Times 10.02.2011

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