Talfahrt mit Folgen

„Junge Welt“, 09.12.06
Der rapide Wertverlust des US-Dollars bedroht nicht nur die US-Konjunktur, sondern das gesamte Weltfinanzsystem

In den vergangenen zwei Wochen war auf den internationalen Währungsmarkten, auf denen täglich rund zwei Billionen US-Dollar umgesetzt werden, ein rapide fortschreitender Verfall der US-Währung zu beobachten. Seit Mitte Oktober büßte der Greenback gegenüber dem Euro vier Prozent seines Wertes ein, wobei die Hälfte dieser Verluste in der letzten Novemberwoche zu verzeichnen war. Der US-Dollar pendelt nun um 1,33 Euro und bewegt sich somit nur knapp unter seinem historischen Tiefstand von 1,35 Dollar für einen Euro. Laut der Londoner Financial Times (FT) vom 4. Dezember könnte sich die Talfahrt des Dollar fortsetzen, da internationale Währungshändler derzeit nur nach »neuen Gründen suchen, um die US-Währung abzustoßen.«
Furcht vor Zinssenkung
Der Zeitung zufolge resultieren diese massiven Dollarverkäufe aus der Überzeugung der Akteure auf den Finanzmärkten, daß die US-Wirtschaft sich in einer weit schlechteren Verfassung befindet, als es die amerikanische Notenbank (Fed) der Öffentlichkeit weis machen will. US-Notenbankchef Ben Bernanke gab sich Ende November noch optimistisch und bezeichnete die Inflation als das größte Risiko für die US-Konjunktur. »Ich bin zuversichtlich, daß, wie auch immer sich die Dinge kurzfristig entwickeln, die Wirtschaft auf lange Sicht mit gesundem Tempo wächst«, so Bernanke am 28. November in New York. Mit diesen Bemerkungen hoffte der Vorsitzende der Fed, die Furcht vor etwaigen Zinssenkungen in den USA zu zerstreuen und somit den Dollar zu stabilisieren. Dennoch setzte die US-Währung ihren Sinkflug fort, da die jüngsten Eckdaten der amerikanischen Wirtschaft mindestens eine längere Schwächeperiode, wenn nicht gar eine handfeste Rezession prognostizieren.

Die bereits einsetzende Konjunkturabkühlung in den USA ist eine direkte Folge des Platzens der Spekulationsblase am Immobilienmarkt. Inzwischen sind auch weitere Sektoren der US-Ökonomie in den Abwärtssog geraten. Die Zahl der neu begonnenen Bauvorhaben in den USA brach im Oktober im Vergleich zum Vorjahresmonat um 15 Prozent auf 1,49 Millionen ein. Volkswirte hatten dagegen nur einen Rückgang auf 1,68 Millionen Neubauten erwartet. »Die Aktivität am Immobilienmarkt fällt stärker, als es für eine weiche Landung gut wäre«, sagte Ray Stone, Chefvolkswirt der Analysefirma Stone & McCarthy gegenüber der FT. Die Ausgaben für den Hausbau sind im Jahresvergleich um 18 Prozent gefallen, was eine gesamtwirtliche Wachstumsabschwächung um 1,2 Prozent bedeutet. Die US-Wirtschaft soll laut der Fed im letzten Quartal dieses Jahres zwar um 2,2 Prozent wachsen, doch bedeutet das eine Halbierung des Wachstumstempos gegenüber der ersten Jahreshälfte. In einer Analyse der Großbank HSBC wird darauf hingewiesen, daß die Schwäche beim Hausbau und der Automobilindustrie »sich beunruhigenderweise auf den Rest des verarbeitenden Gewerbes« im kommenden Jahr ausdehnen und das Wirtschaftswachstum bremsen werde. Nouriel Roubini, Ökonomieprofessor an der New Yorker »School of Business«, gab sich gegenüber Reuters noch um einiges skeptischer. Die Rezession auf dem Immobiliemarkt werde den Bausektor, den Fahrzeugbau, das verarbeitende Gewerbe, die Investitionstätigkeit und schließlich den Konsum erfassen, der den Großteil des US-Bruttosozialprodukts ausmacht. Man müsse für 2007 »eine ausgewachsene Rezession« erwarten, so Roubini.
Entwertete Anleihen
All diese Indikatoren deuten somit auf eine Senkung des US-Leitzinssatzes von derzeit 5,25 Prozent durch die Fed hin, um mit »billigen« Krediten die schwächelnde Konjunktur zu stützen. Doch genau diese Aussichten scheinen viele asiatische Notenbänker ziemlich nervös zu machen. Durch einen fallenden Leitzins wird der amerikanische Finanzmarkt an Attrakivität einbüßen und dadurch die Talfahrt des US-Dollar beschleunigen. Das gibt vor allem jenen zu denken, die riesige Dollarbeträge horten, wie die asiatischen Zentralbanken. China hält mit umgerechnet einer Billion US-Dollar inzwischen die weltweit größten Währungsreserven, von dieser gigantischen Summe entfallen 70 Prozent auf niedrig verzinste Rentenpapiere in US-Dollar. Am 24. November warnte Wu Xialong, der stellvertretende Vorsitzende der chinesischen Zentralbank, vor dem steigenden Risiko einer massiven Dollarabwertung. Ein fallender US-Dollar würde nicht nur den Wert der chinesischen Devisenreserven schmälern, sondern auch die Exporte Asiens auf den riesigen, US-amerikanischen Binnenmarkt verteuern, der gewissermaßen als ein »Schwarzes Loch« der Weltwirtschaft fungiert; er saugt die überschüssige Produktion der exportorientierten asiatischen Volkswirtschaften auf.

Zur Finanzierung des US-amerikanischen Handelsdefizits läuft ein permanenter Strom von US-»Wertpapieren« gen Asien. Das Minus der USA im Handel mit China betrug im Oktober 23 Milliarden US-Dollar. Neben den Rentenpapieren hält der chinesische Finanzsektor zudem 342 Milliarden US-Dollar an amerikanischen Staatsanleihen, mit denen die riesiegen Haushaltslöcher der Bush-Administration notdürftig gestopft wurden.

Die US-amerikanische Wirtschaftspolitik steht nun, da sich eine ernsthafte konjunkturelle Eintrübung abzeichnet, vor einem kaum lösbaren Dilemma. Eine spürbare Senkung der Zinsen könnte vielleicht die Konjunktur stützen und durch einen nur noch moderat fallenden Dollarkurs das amerikanische Handelsdefizit senken. Doch zugleich besteht die Gefahr einer weltweiten Massenflucht von institutionellen Anlegern aus dem US-Dollar, die zu einem unkontrollierbaren Absturz der Weltleitwährung und einer fundamentalen Erschütterung des Weltfinanzsystems führen könnte.

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