Indiens „Roter Korridor“.

Landraub mächtiger Konzerne führt der Guerilla verzweifelte Ureinwohner zu

Er sei „zutiefst schockiert“, kommentierte Indiens Innenminister Palaniappan Chidambaram den bisher schwersten Schlag der maoistischen Guerilla gegen indische Sicherheitskräfte Anfang April. Der Hinterhalt in der Region Dantewada im zentralindischen Bundesstaat Chhattisgarh, bei dem 75 Bewaffnete zu Tode kamen, zeige die „barbarische Natur“ und die „Brutalität“ der Aufständischen, erklärte er. Indische wie internationale Medien bezeichneten die Militäroperation der Maoisten als einen Akt des „Terrors“ und als ein „Massaker“ an den Polizeikräften, deren Konvoi mit selbst gebauten Sprengsätzen gestoppt, und von Hunderten Guerillakämpfern und sympathisierenden Dorfbewohnern angegriffen worden war.

Noch vor wenigen Wochen, anlässlich der Ankündigung einer staatlichen Großoffensive gegen die Maoisten, hatte sich Chidambaram in provokativer und martialischer Rhetorik öffentlich geäußert. Der als Hardliner bekannte Innenminister versprach, „die maoistische Bewegung innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre auszulöschen.“ Im Rahmen der breit angelegten Operation „Grüne Jagd“ (Greenhunt) mobilisierte die Regierung eine enorme Streitmacht von 50.000 paramilitärischen Truppen. Diese Einheiten sollen die auch als „Roter Korridor“ bezeichnete Region in Zentral- und Ostindien der Kontrolle der Aufständischen entreißen. Die Guerilla hatte in den letzten Jahren ihre Präsenz in einem enormen, von bitterster Armut gekennzeichneten Gebiet ausbauen können, das von der nepalesischen Grenze bis zum südlichen Bundesstaat Andhra Pradesh reicht. Die nach dem Gründungsort ihrer Bewegung – dem westbengalischen Naxalbrari – auch als Naxaliten bezeichneten Rebellen sollen inzwischen in 16 der 28 Bundesstaaten aktiv sein. Indiens Ministerpräsident Manmohan Singh bezeichnete die Bewegung als die „größte innere Herausforderung“, der sich Indien zu stellen habe.

Handfeste Wirtschaftsinteressen der Konzerne

Worüber Indiens Politiker nicht so gerne reden, das sind die ökonomischen Hintergründe der eskalierenden Auseinandersetzungen um Indiens verelendeten „Roten Korridor“. Bei der „Grünen Jagd“, zu der Indiens Innenminister bläst, geht es vor allem um handfeste Wirtschaftsinteressen. Mächtige Konzerne wie Vedanta, Tata Steel, Essar Steel und die National Mineral Development Corp sind fest entschlossen, die Bodenschätze in den unterentwickelten, von den als Adivasi bezeichneten Ureinwohner bewohnten Regionen an sich zu reisen. Dieser Kampf, bei dem laut der Financial Times (FT) „Indiens am meisten vernachlässigte Menschen den mächtigsten Businesshäusern“ des Landes gegenüberstehen, findet insbesondere in den Bundesstaaten Chhattisgarh und Orissa Westbengalen, und Jharkhand statt. In den vergangenen fünf Jahren haben die Regionalregierungen dieser Bundesstaaten „geheime Absichtserklärungen mit Konzernhäusern im Wert von mehreren Milliarden US-Dollar abgeschlossen, um dort Stahlwerke,… Kraftwerke, Aluminiumfabriken, Dämme und Minen zu bauen“, berichtete die indische Schriftstellerin und soziale Aktivistin Arundhati Roy. Um diese Projekte zu realisieren, müssten die Einwohner umgesiedelt werden.

Die Landnahme, die oft durch rechtswidrigen Druck korrupter Sicherheitskräfte oder mit blanker Gewalt durchgesetzt wird, lässt die Spannungen in der Region eskalieren. So berichteten Bauern aus dem Bundesstaat Chhattisgarh gegenüber der FT, wie Regierungsbeamte sie so lange ins Gefängnis sperrten, bis sie zum Landverkauf an den Konzern Tata Steel bereit waren, der in der Region Eisenerz fördern will. „Was sollen wir mit dem Geld machen“, fragte ein betroffener Bauer das Londoner Wirtschaftsblatt, „wir müssen Landwirtschaft betreiben, um unsere Kinder zu ernähren.“ Besonders umstritten ist das Vorhaben des indischen Bergbaukonzerns Vedanta, im südlichen Orissa Bauxit aus einer Hügelkette zu fördern, die von der einheimischen Bevölkerung als heilig verehrt wird. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International beschuldigt Vedanta und die indische Regierung, keinerlei ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, der analphabetischen Bevölkerung das Vorhaben überhaupt zu erklären. Inzwischen hat die Church of England ihre Anteile an Vedanta abgestoßen, um gegen dieses Projekt zu protestieren.

Ureinwohner greifen zu den Waffen

Es sei dieser im großen Maßstab betriebene Landraub, der den Naxaliten immer neue Sympathisanten verschaffe, erklärte Arundhati Roy. Die bedrängten Menschen bettelten die Maoisten regelrecht an, sie „zu retten“ und für den Krieg „zu trainieren.“ Die soziale Lage der Menschen in den betroffenen Gebiet beschrieb die bekannte Globalisierungskritikerin als desaströs: „Derzeit besteht die maoistische Guerilla in Zentralindien fast ausschließlich aus verzweifelt armen Ureinwohnern, die unter Bedingungen chronischen Hungerns am Rande einer Hungersnot leben, wie wir sie mit dem subsaharischen Afrika assoziieren.“ Wenn diese Menschen nun zu den Waffen griffen, so Roy weiter, dann nur deswegen, weil „eine Regierung, die ihnen bisher nur Gewalt und Vernachlässigung entgegengebracht hat, nun auch die letzte ihnen verbliebene Sache nehmen will – ihr Land.“ Selbst das bekannte US-Wochenblatt Time musste zugestehen, das die Maoisten in dem „anderen Indien gedeihen“, dass aus den Menschen besteht, die unter „chronischer Armut leiden“, während nur rund „ein Fünftel“ der Bevölkerung von dem kapitalistischen Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre profitierte. Inzwischen wird die Kerntruppe der maoistischen Guerilla, die Peoples Liberation Guerilla Army (PLGA), auf 20.000 Mann geschätzt.

Wie Terror aussieht, berichtete Arundhati Roy im Rahmen einer Reportage aus den umkämpften Regionen, in denen die paramilitärischen indischen „Sicherheitskräfte“ immer wieder ganze Dörfer niederbrennen, wahllos Zivilisten niederschießen und massenhaft Frauen vergewaltigen. Die Paramilitärs erhielten „Geld für das Töten von Naxaliten, also fabrizieren sie welche“, erklärte Roy. Hunderttausende von Menschen seien durch solche Terrorangriffe bereits aus ihren Ortschaften vertrieben worden.

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