Archiv für November 2017

Künstliche Intelligenz und Kapital

Montag, 27. November 2017

Streifzüge, 15.11.2017

„Level-1 or world-space is an anthropomorphically scaled, predominantly vision-configured, massively multi-slotted reality system that is obsolescing very rapidly.
Garbage time is running out.
Can, what is playing you, make it to level-2?“

Nick Land

 

In der vom Silicon Valley herbeigesehnten Singularität käme das automatische Subjekt zu sich selbst.

Link: http://www.konicz.info/?p=3415

Dicke Backen

Montag, 27. November 2017

Konkret 11/2017
Tomasz Konicz über die Vorschläge des französischen Präsidenten zur Neugestaltung der Euro-Zone

Wenn Deutschland schon wählen muss, um zum ersten Mal seit 1945 wieder Nazis in den Reichstag zu hieven, dann will es dabei wenigstens seine Ruhe haben. Folglich ruhte das politische Leben in den europäischen Institutionen bis zur Bundestagswahl weitgehend. Alle warteten darauf, welches politische Personal den anstehenden Umbau der EU in Angriff nehmen wird. Doch bereits zwei Tage nach dem Urnengang präsentierte der französische Präsident Macron bei einer vielbeachteten Rede seine Vision eines von Grund auf reformierten, vereinten Europas. Paris nahm keine Rücksichten mehr auf die noch ausstehenden Koalitionsgespräche in Berlin. Macron wollte die Initiative ergreifen, den Rahmen des kommenden Verhandlungsmarathons vorgeben, die innenpolitisch Bundeskanzlerin unter Druck setzen.

Nur ein „stärker integriertes Europa“ könne den Weg zur „echten Souveränität“ weisen, tutete der französische Präsident. Die Zukunft des europäischen Kontinents liege im Aufbau einer vereinten und demokratischen EU. Die Integration der Einzelstaaten solle sich auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik, den Militärapparat, den Grenzschutz und die Sozialpolitik erstrecken. Den Kern eines vereinten Europas solle ein gesamteuropäischer „echter Haushalt“ bilden (finanziert anteilig gemäß dem Bruttoinlandsprodukt von allen Euro-Staaten), dem ein europäischer Finanzminister vorstünde. Hinzu käme eine europäische Harmonisierung der Steuern und der Mindestlöhne, mit der Abwertungen innerhalb der EU (wie etwa durch die Agenda 2010) verhindert werden könnten. Die Einführung von Eurobonds, mit denen die Zinsdifferenzen zwischen dem deutschen Zentrum der EU und ihrer südlichen Peripherie überwunden würden, ist ebenfalls Teil der französischen Integrationsoffensive – auch wenn Macron sie nicht explizit nannte.

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Down under

Montag, 27. November 2017

Konkret, 10/2017

Lässt sich die Klimakatastrophe verhindern? Von Tomasz Konicz

Die Klimakatastrophenfolge des diesjährigen Sommers, die weltweit die größte Beachtung fand, ereignete sich ausgerechnet im politischen Zentrum der Klimakatastrophenskepsis, in Texas: Ende August hat Hurrikan Harvey der Bevölkerung des Großraums Houston und der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt, dass der Klimawandel keine graue Theorie über eine ferne Zukunft, sondern bereits verheerende Realität ist (die gleichzeitigen Überschwemmungen in Indien haben trotz weitaus höherer Opferzahlen massenmedial keine Rolle gespielt). Mal wieder wurden bei Harvey die bisherigen Wetterrekorde der USA gebrochen – diesmal in der Kategorie Niederschlag je Quadratmeter. Seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen in den Vereinigten Staaten sind noch nie dermaßen hohe Regenmengen gemessen worden, wie sie der Hurrikan über Südost-Texas niedergehen ließ. Der Wetterdienst der USA musste die Farbpalette seiner Wetterkarten erweitern, um die Niederschläge zu visualisieren. In einigen Regionen des Ballungsraums Houston, in dem nahezu sieben Millionen Menschen leben, gingen binnen weniger Tage 1.250 Liter Regen je Quadratmeter nieder.

Die enormen Schäden von – so erste Schätzungen der Versicherungsbranche – rund 90 Milliarden US-Dollar, die der Wirbelsturm verursachte, dürften sich in den kommenden Monaten in der Konjunkturentwicklung der USA niederschlagen. Zum einen ist der Großraum Houston ein wichtiger logistischer Knotenpunkt, zum anderen ein Zentrum der ölverarbeitenden Industrie, so dass Störungen oder gar Unterbrechungen der globalen Liefer- und Produktionsketten in vielen Branchen befürchtet werden. Die Tageszeitung „USA Today“ verwies zudem darauf, dass Houston zum „wichtigsten Zentrum der Chemieproduktion“ in den USA aufgestiegen sei, den zweitgrößten Hafen sowie zwei der wichtigsten Flughäfen der Vereinigten Staaten unterhalte.

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Die Bank an Ihrer Seite

Montag, 27. November 2017

Konkret 09/2017

Wie tief die europäische Finanzindustrie mittlerweile in der Krise steckt, lässt sich am Zustand des italienischen Bankensektors erkennen. Von Tomasz Konicz

Die Banca Monte dei Paschi di Siena, die älteste Bank der Welt, scheint das jüngste Opfer der nicht endenden Euro-Krise zu werden. Das im Zuge der ersten protokapitalistischen Formierungsprozesse 1472 im mittelitalienischen Siena gegründete Finanzhaus, das seither ununterbrochen im Geldgeschäft ist, scheiterte kläglich am sogenannten Stresstest der EU-Bankenaufsichtsbehörde EBA, der Ende Juli die Krisenfestigkeit des europäischen Finanzsektors testen sollte. Unter den 51 getesteten Finanzinstituten landete die italienische Bank weit abschlagen auf dem letzten Platz – mit einer negativen Eigenkapitalquote von 2,4 Prozent im simulierten Fall einer Rezession. Neben zwei deutschen Geldhäusern, der Deutschen Bank und der Commerzbank, fand sich aber auch die führende italienische Großbank, die UniCredit, unter den zehn Schlusslichtern des Stresstests.

Der Umfang der verschleppten Krise des italienischen Finanzsektors, die sich im Ergebnis des Stresstestes spiegelte, lässt sich relativ genau beziffern: Bis zu 360 Milliarden Euro fauler Kredite haben die Banken der italienischen Halbinsel inzwischen akkumuliert, was immerhin 18 Prozent des gesamten Darlehnsbestandes des italienischen Finanzsektors entspricht. Nahezu ein Drittel der vom Zahlungsausfall bedrohten Kredite in der EU entfällt damit auf Italien. Damit droht die Halbinsel zum Epizentrum eines eventuellen neuen Krisenschubs in der EU zu werden, die ja spätestens mit dem „Brexit“ in einen Zustand offener Desintegration überzugehen droht (siehe konkret 8/16). Die Auseinandersetzungen um die konkrete Maßnahmen im Fall der italienischen Bankenkrise, die hauptsächlich zwischen Berlin und Rom geführt werden, dürften auch über den Fortbestand der EU entscheiden.

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… und morgen ganz Eurasien?

Montag, 27. November 2017

Konkret, 07/2017

Deutschland wird vom geopolitischen Kamikaze-Kurs des US-Präsidenten kaum profitieren können – es sei denn, Berlin springt über den eigenen Schatten. Von Tomasz Konicz

Die Funktionseliten der erodierenden kapitalistischen One World müssten Donald Trump eigentlich lieben – zumindest außerhalb der USA. Seitdem der Rechtspopulist im Weißen Haus sitzt, muss das Washingtoner Establishment ohnmächtig mit ansehen, wie ihr egomanischer Präsident, der „Amerika wieder groß machen“ will, den „wichtigsten und allgemein anerkannten außenpolitischen Interessen der Vereinigten Staaten“ irreparablen Schaden zufüge, formulierte das Magazin „The Atlantic“ als Fazit der ersten desaströsen Trump-Tour durch den Mittleren Osten und Europa. Es falle selbst vielen Republikanern schwer, die geopolitischen Ergebnisse der erratischen Auftritte Trumps in Europa als „etwas anderes als eine totale Katastrophe für die US-Interessen in Europa“ zu präsentieren.

US-Medien thematisieren in diesem Zusammenhang vor allem die von „konfrontativer, nationalistischer Rhetorik“ („Washington Post“) begleiteten Auftritte Trumps in Brüssel, etwa seinen Antrittsbesuch bei der Nato, und beim G7-Gipfel in Taormina. Statt die üblichen Floskeln von der unverbrüchlichen atlantischen Freundschaft abzusondern, forderte der US-Präsident von den europäischen Nato-Verbündeten rüde eine drastische Erhöhung der Militärausgaben. Gestandene US-Geopolitiker machten auf CNN ihrem Ärger Luft über Trumps Auftritt in Brüssel, der ja handfeste politische Folgen hatte. Trump sei „der erste Präsident seit 1949“ gewesen, der die Beistandspflicht der Nato-Mitglieder in seiner Antrittsrede nicht erwähnte, klagte der frühere US-Nato-Botschafter Nick Burns gegenüber dem Nachrichtensender.

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… und kein Ende

Montag, 27. November 2017

Konkret 02/2017

Seit der deutsche Finanzminister im Sommer 2015 sein Spardiktat über Griechenland verhängen konnte, stürzt das Land ökonomisch und sozial ab. Jetzt ist der Streit zwischen der griechischen Regierung und der Euro-Gruppe neu aufgeflammt. Von Tomasz Konicz

Das deutsche Ideal sei, hinter einem Schalter zu sitzen, wusste schon Tucholsky. Anfang Dezember wurde offensichtlich, wie wenig sich daran in den vergangenen Jahrzehnten geändert hat. In der Rolle eines kollektiven Fallmanagers im gesamteuropäischen Sozialamt empörten sich Deutschlands Journalisten und Politiker über die Auszahlung eines einmaligen Weihnachtsgeldes für die griechischen Rentner durch die Regierung in Athen. Fast schien es, als ob man in den Redaktionen einfach nur einen Hass-Schalter umlegen müsste, um die hiesigen Kommentatoren den deutschen Krisenmythos von den faulen, korrupten und unfähigen Griechen, die unseren schönen deutschen Euro ruinierten, repetieren zu lassen.

Ohne die Gläubiger „um Erlaubnis“ zu bitten, habe es die griechische Regierung gewagt, den 1,6 Millionen Rentnern des pauperisierten Landes, die mit weniger als 850 Euro im Monat über die Runden kommen müssen, ein Weihnachtsgeld zu zahlen, meldete „Spiegel Online“ am 9. Dezember. Das seien 617 Millionen Euro. Und nicht nur das. Die Mehrwertsteuer auf den Inseln der Ostägäis, die laut Wolfgang Schäubles Weisung von 16 auf 24 Prozent steigen müsste, solle nun doch nicht angehoben werden. Athen begründete das damit, dass „die Bevölkerung dieser Inseln die Last des Flüchtlingszustroms tragen müsse“.

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Spiel auf Zeit

Montag, 27. November 2017

Konkret, 01/2017

Anlässlich des gescheiterten Verfassungsreferendums in Italien, das zum Ende der Karriere von Regierungschef Matteo Renzi geführt hat, hatten Deutschlands Meinungsmacher mal wieder Gelegenheit, sich in ihren Vorurteilen über die Krisenverlierer in Südeuropa zu suhlen. Die Italiener würden mit dem Urnengang „ihre Banken und den Euro“ aufs Spiel setzen, polterte „Spiegel Online“, und darauf bauen, dass ihr Landsmann Mario Draghi in seiner Eigenschaft als EZB-Chef es „schon richten“ werde – mittels Fortführung seiner expansiven Geldpolitik.

Die nach dem Referendum angekündigte Verlängerung der Anleihekäufe durch die EZB, die nun – in leicht verminderten Umfang – mindestens bis Ende 2017 fortgesetzt werden, ließ bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“) die Sicherungen durchbrennen: Von einer „Schulden- und Haftungsunion“, von einer „Politisierung der Geldpolitik“, von Verträgen, die „das Papier nicht wert“ seien, auf dem sie stünden, war in einem wütenden Kommentar die Rede, der das europaweite Erstarken rechtsextremer Kräfte nicht etwa auf das deutsche Spardiktat in der Euro-Zone, sondern auf die expansive Geldpolitik der EZB zurückführte, die die desaströsen wirtschaftlichen Folgen dieses Spardiktat in Wahrheit zu konterkarieren versucht.

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Vom Anti- zum Alternativimperialismus

Montag, 27. November 2017

Konkret 11/2016

Kleine Psychopathologie des gemeinen Putin-Trolls in  der Grauzone einer sich formierenden Querfront. Von Tomasz Konicz

Wer es sich immer noch nicht abgewöhnt hat, unzensierte Kommentarforen oder die üblichen sozialen Netzwerke zu durchstöbern, kennt sie zur Genüge: Die deutsche Anhängerschaft des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die bei einschlägigen geopolitischen Themen leidenschaftlich Partei ergreift für Russland und den Kreml. Dabei handelt es sich gerade nicht um das Produkt einer Putinschen Trollfabrik, wie es der westliche Medienmainstream immer wieder lanciert. Der deutsche Putin-Schwarm hat eine Eigendynamik, die auf innerdeutsche ideologische wie machtpolitische Faktoren zurückzuführen ist.

Die Mitgliedschaft des Putinschen Fanclubs rekrutiert sich aus dem gesamten politischen Spektrum, es sind neurechte Bürger, rechtsextreme Agitatoren, orthodoxe, in Regression versinkende Linke darin zu finden. Ohne Übertreibung kann die politische Figur des russischen Präsidenten als einer der wichtigsten ideologischen Fixpunkte der neuen deutschen Querfront bezeichnet werden. Das liegt vor allem daran, dass der arme Wladimir Wladimirowitsch als ideologische Projektionsfläche deutscher Querschläger aller Art fungiert.

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Kapitalismus mit menschlicher Fratze

Montag, 27. November 2017

Konkret 07/2016

Alles wird gut – wenn nur alle gut werden. Das ist in etwa die Logik, die hinter all den Organisationsansätzen, Initiativen, Gesetzen und Ideologemen zu finden ist, die einen ethischen Kapitalismus, einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz erkämpfen wollen. Kaum ein Konzern kommt ohne den Hinweis aus, seine Produkte würden nach ethisch einwandfreien Prinzipien produziert, und eine längst unüberschaubare Menge von Labels, Zertifikaten und Standards versichert dem Verbraucher in den Zentren, dass sein Konsum nicht auf Ausbeutung basiere oder durch Ressourcenraub in der Peripherie möglich gemacht werde.

Neben dem Fair-Trade-Siegel, das fairen Handel durch höhere Verdienste der Produzenten (etwa bei Schokolade) in der „Dritten Welt“ verspricht, können ethisch gestimmte Konsumenten auch nach Kleidung Ausschau halten, die von der Fair Wear Foundation zertifiziert wurde. Deren Siegel soll die Einhaltung fairer und „menschenwürdiger Arbeitsbedingungen“ in der Textilindustrie der Peripherie garantieren – was angesichts der barbarischen Zustände etwa in Bangladesch oder Kambodscha (siehe konkret 7/13) tatsächlich einen revolutionären Umbruch gleichkäme. Fair gehandelte Naturprodukte wie Obst, Gemüse, Blumen oder Kräuter garantieren Zertifikate wie „Fair Flowers Fair Plants“, „FairWild“, „Flower Label Program“, oder das Siegel der „Rainforest Alliance“.

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Macht Griechen kriechen

Montag, 27. November 2017

Konkret, 06/2016

Wie sich Berlins Finanzminister Schäuble und der Internationale Währungsfond jeweils rechts überholen wollen. Von Tomas Konicz

Was wäre ein europäischer Sommer ohne eine Neuinszenierung der griechischen Tragödie durch Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble. Die ins Stocken geratenen Verhandlungen über weitere „Sparmaßnahmen“ zwischen der ehemals linken Regierung in Athen und den „internationalen Gläubigern“ seien die Vorboten eines „Krisensommers“, berichtete die „Neue Züricher Zeitung“ Ende April. Sollte nicht bald Einigkeit bei der „Überprüfung des dritten Hilfspakets“ erzielt werden, drohten Athen „spätestens im Juli ernsthafte Zahlungsschwierigkeiten“.

Schon im Sommers 2015 hatte Deutschlands Politik, angestachelt von chauvinistischen und ressentimentgeladenen Medien, alles daran gesetzt, der griechischen Linksregierung das Genick zu brechen und das geschundene Land möglichst umfassend zu demütigen. „Die Antwort lautet nein!“, antwortete Schäuble auch diesmal auf die Bitte der Regierung Tsipras, bei einem EU-Sondergipfel über die Auszahlung weiterer Notkredite zu beraten, die derzeit von der EU blockiert werden. Deutschland läßt die sozioökonomische Lage in Hellas bewusst eskalieren, um Athen zu weiteren Konzessionen zu nötigen. Schon Mitte April legte sich der oberste deutsche Sparsadist öffentlich fest: „Griechenland kann und muss noch mehr tun.“

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